Die Sonne brennt auf den Kunstrasen, und die blauen Fähnchen flattern im Wind. Doch Giulietta Schuler blendet alles um sich herum aus. Ihre Welt ist gerade nur so groß wie ihr pinker Golfball. Den Papa hinter sich, den Schläger fest im Griff. Einatmen, Abschlag, ausatmen. Beide recken den Kopf. Selbst Hund Ambos sieht dem Ball hinterher. Ein guter Schlag. Die Zehnjährige sieht ihren Vater an, er klopft ihr auf die Schulter.
Jens Schuler weiß, wie man Bälle – und Flugzeuge – auf Kurs hält. Der 50-Jährige ist Papa, Pilot und Golfer. Vor 20 Jahren hat er das erste Mal mit Freunden in Kanada gespielt. “Alles junge Kerle, viel Wettbewerb, aber eine Mordsgaudi”, erinnert sich Schuler. In Gedanken an seinen ersten geglückten Treffer hält er kurz inne und schiebt nach: “Dieser Moment, wenn der kleine weiße Ball gut fliegt – das hat mich damals schon fasziniert.” Heute gibt er diese Faszination an seine beiden Töchter weiter.

“Wir sind drei Generationen Golfer”, sagt Marvie Schuler. “Mit dem Vater von Jens, meinem Schwiegerpapa, haben wir schon eine Familien-Golfrunde gemacht.” Die 46-Jährige schwingt seit zwei Jahren den Schläger. Das Schönste am Golf für sie? “Dass es dich wahnsinnig macht”, sagt Schuler. Der ständige Wechsel zwischen Frust und dem nächsten Erfolgserlebnis macht für sie den Reiz aus. Golf als Spiegel des Charakters, Form der Meditation und Schule fürs Leben.
Für die Eltern geht es auf dem Golfplatz um Selbsterkenntnis und mentale Stärke. Ihre Töchter sollen spielerisch lernen, mit Widrigkeiten umzugehen. “Ein großer Teil von Golf ist Psychologie”, sagt Marvie Schuler. Giulietta, auch Giuli genannt, hat das Golffieber bereits gepackt. Die Zehnjährige verkündet: “Mir macht es wirklich Spaß, auf den Golfplatz zu fahren und dann so ein paar Bälle zu schlagen.” Natürlich sei sie auch mal frustriert, wenn sie den Ball nicht richtig treffe. Der Fortschritt sei dafür dann umso schöner.
Nun ist Adriana an der Reihe. Die Achtjährige steht ihrer großen Schwester in nichts nach. Mit der Routine eines Profis positioniert sie sich auf der Minigolfbahn, die sich um das Kälbchen aus Holz schlängelt. Nur knapp rollt der Ball am Loch vorbei. Marvie Schuler strahlt ihre Tochter an, und die beiden besiegeln den Beinahe-Treffer mit einem High Five.

Weiter geht's. Die Familie manövriert die Bälle vorbei an der Wassermühle, durch die Bergbahn-Kabine und über den Wassergraben. Nach den Themenbahnen des Adventure Golf Parks geht es zur nächsten Station: den fünf Kleingolfbahnen. “Das ist so ein gutes Crossover”, sagt Marvie Schuler. “Da kann jeder hinkommen und spielen.” Denn wer auf dem Golfplatz starten möchte, braucht in Deutschland die Platzreife – quasi der Führerschein für den Rasen. Um den Sport kennenzulernen und “Blut zu lecken”, seien die Kleingolfbahnen optimal.
Nach ein paar Treffern macht sich die Familie auf den Weg zur Driving Range. Fünf Minuten Fußweg, und den Golfern bietet sich ein neuer Blickwinkel auf das Bergpanorama. Der Golfclub Ruhpolding ist kein künstlich in die Natur gezwungener Parcours. Er fügt sich natürlich in das Tal zwischen Rauschbichl und Bärngschwendt. Auf 64 Hektar schmiegen sich die perfekt gemähten Bahnen wie ein breites grünes Band in die Landschaft.
Ein Band verbindet auch die beiden Schwestern. Das lässt schon ihr Partnerlook erkennen: Blonde Zöpfe, rote Schirmkappen und schwarze Trainingsanzüge mit Strasssteinen, die in der Sonne glitzern. An der Ballmaschine füllen Adri und Giuli die Körbe, bevor die Familie Stellung auf den Abschlagmatten bezieht. Ein Ball nach dem anderen fliegt in die Weite. Dann das Finale: Ein kurzer Blick, ein Nicken, ein Kommando. Alle vier schwingen synchron durch. Vier Bälle, vier Menschen, eine Familie – “Team Schuler” im Einklang.


Erneut schultern die Schulers ihre Taschen. Nach dieser Symbiose geht es zum ersten Abschlag, dem sogenannten “first Tee”. Jens Schuler erklärt, wie wichtig Pünktlichkeit im Golf ist: Wer mehr als ein paar Minuten zu spät kommt, verliert seinen Slot. Deshalb dürfe nicht getrödelt werden.
Regeln gibt es beim Golf viele. Eine von ihnen: Tipps sind nicht erwünscht, im Turnier sogar verboten. “Das ist ein Eheretter”, sagt Jens Schuler. “Sonst sagt der Mann immer: Du musst anders schwingen! Oder sie sagt: Warum nimmst du denn nicht das Siebener Eisen?" Durch die Regeln könnten sich Golf-Paare den Eheberater sparen. “Oder Aggressionstherapeuten, wenn man so richtig auf den Ball draufhaut", ergänzt seine Frau und lacht.
Auf dem Golfplatz steht jedoch nicht der Frust, sondern die Freude im Mittelpunkt. Marvie Schuler berichtet, dass sie im Club “sofort nett aufgenommen” wurde. Jeder bekomme die Chance, sich zu integrieren. “Es geht nicht darum, was du für ein Auto fährst, was für einen Job oder wie viel Geld du hast. Es geht ums Golfspielen”, betont Schuler und entkräftet das Klischee vom exklusiven Altherrensport.

Dicke Geldbeutel und graue Schläfen? Dem Ehepaar begegnet meist ein anderes Vorurteil: „Hast du noch Sex oder spielst du schon Golf?“ Denn der Sport frisst Zeit. Wer fünf Stunden auf dem Platz steht und jede Bewegung obsessiv analysiert, verschwindet in einer anderen Welt. “Deswegen kommt dann dieser Witz mit dem Sex”, sagt Jens Schuler.
Solche Witze kennen die Golflehrer nur zu gut. Der Humor im Nachwuchstraining ist natürlich jugendfrei, an Unterhaltung fehlt es jedoch nicht. Marvie Schuler schwärmt vom Lieblingslehrer: “Der ist super lustig und alle Kinder lieben ihn.” Spielspaß, Regelquiz und Gummibärchen begeistern den Nachwuchs.
Im Sommergolfcamp hat Giuli den Überschlag geübt und den Golflehrer herausgefordert, es ihr nachzumachen. Mit wenig Erfolg. “Er hat nur einen Handstand gemacht”, sagt Adriana. “Das war so lustig, weil er so doof da stand.” Ihre Worte überschlagen sich fast, weil die Erinnerung sie so zum Lachen bringt.

Dass die Schwestern heute zur Jugendgruppe gehören, ist allein Fortuna zu verdanken – dem Glück auf vier Pfoten. Die älteste Hündin der Familie hat bei einem Essen im Clubhaus einen herum flatternden Zettel fixiert. Marvie Schuler hat sich gewundert und das Blatt aufgehoben. Es war ein Flyer fürs Kindertraining. “Der Hund ist schuld, dass die Kinder jetzt golfen”, sagt sie. Ihr Ehemann scherzt: „Die Fortuna wollte auch mal mit zum Golfen.”
Bei den Schulers darf jeder mitmachen, sogar die vier Hunde. Kurze Beinchen und unterschiedliche Handicaps spielen keine Rolle. Ob durch Rücksichtnahme oder eine Fahrt im Golfcart – im „Team Schuler“ findet jeder sein Tempo.
Für die Familie ist der Golfplatz Ruhpolding eine Heimat. Ein Ort für Konzentration. Ein Ort für Wachstum. Und ein Ort, um einfach mal loszulassen.

