Inzeller Handwerker verraten, wie sich der Generationenwechsel wirklich anfühlt

Frischer Wind oder dicke Luft?

Mit nur einem Jahr bekam Lukas Moltke seinen ersten Blaumann. Ein kleiner Overall aus festem Stoff. Viel zu groß, die Ärmel und Hosenbeine hochgekrempelt. Von einem Foto aus dieser Zeit strahlt der kleine Bub den Betrachter an. Ausgestattet mit Breze und Schnuller könnte er kaum glücklicher aussehen. Lange bevor Lukas Moltke wusste, was das Wort „Karriere“ bedeutet, begann so sein Weg ins Handwerk. Ein Weg voller Chancen und Herausforderungen.

A happy toddler in a blue jumpsuit smiles at the camera, holding a piece of food and a beaded toy.
Two workers, a man and a woman, inspecting a dark component in a factory setting.

„Ich bin von klein auf mit auf die Baustellen gefahren”, sagt der 26-Jährige. Während andere Kinder im Sandkasten gespielt haben, hat er seine Eltern auf Montage begleitet. Monja und Rainer Moltke, beruflich wie privat ein Team. 2008 haben sie ein Unternehmen in ihrer Garage gegründet. Fast wie im Silicon Valley, nur mitten in Oberbayern. Und statt Computern haben sich die Moltkes Sommer- und Wintergärten gewidmet.

Aus der Garagen-Gründung wurde eine Erfolgsgeschichte, die beiden Kinder sind heute ein fester Bestandteil. Dabei haben die Moltkes ihre Kinder nie gedrängt, das Unternehmen weiterzuführen. Für Rainer Moltke stand fest: „Wenn keiner einsteigen will, dann sperren wir einfach zu.“ Doch sie wollten. Neben ihrem Beruf als Physiotherapeutin unterstützt Nadine Moltke das Familienunternehmen in der Verwaltung und bei Montagen. Ihr Bruder führt die Firma bereits zur Hälfte. Als Metallbaumeister und Betriebswirt hat Lukas Moltke beinahe die gleiche Ausbildung wie sein Vater absolviert – nur die Bezeichnungen sind heute anders.

Sogar im selben Betrieb haben die beiden gelernt. „Da schließt sich der Kreis wieder“, sagt Rainer Moltke. Doch warum überhaupt in einem anderen Unternehmen lernen? „Du wirst zuhause nie so behandelt wie ein normaler Lehrling“, erklärt Lukas Moltke. Er wollte keine Sonderbehandlung, ehrliche Rückmeldung und seine eigenen Erfahrungen machen.

Die Sache mit den eigenen Erfahrungen. Rainer Moltke nimmt einen Schluck von seinem Kaffee. Weiße Tasse, blauer Henkel, ein großes „R“ aufgedruckt. Er stellt die Tasse ab und holt Luft. Jetzt kommt die Geschichte mit dem Schreibtisch. Wer in Rainer Moltke einen Firmen-Monarchen sieht, der keinen Platz auf dem Thron machen will, hat falsch gedacht. Er ist kein Alleinherrscher, der sich mit aller Kraft an sein Unternehmen klammert. Er verkörpert das Gegenteil von Alphatier-Gehabe. „Eines Morgens habe ich einfach meinen Schreibtisch geräumt“, berichtet Rainer Moltke mit einem Grinsen im Gesicht.

Two smiling men in blue shirts, one in a forklift and one standing, in a warehouse setting.
A woman kneels next to a large black dog, both looking at the camera and smiling in an indoor setting.

Bis heute amüsiert den Vater die Reaktion seines Sohnes. Die Fassungslosigkeit über diese Aktion fasst Lukas Moltke so zusammen: „Jetzt spinnt er komplett.” Das sei sein erster Gedanke gewesen. Jetzt soll er, der Junior, an dem Tisch seines Vaters sitzen. Seine Reaktion könne er vor lauter Schock gar nicht mehr rekonstruieren. Doch Mama Moltke erinnert sich noch genau. Den Kopf habe ihr Sohn geschüttelt und den Raum sofort wieder verlassen. Monja Moltke nennt es „eine Mischung aus Verwunderung und Verärgerung“.

„Du wirst zuhause nie so behandelt wie ein normaler Lehrling“
- Lukas Moltke

Dieser Moment im Februar hat einen Wendepunkt markiert. Lukas Moltke trifft seither die Hauptentscheidungen. Es folgten vier „spannende Wochen“. Winter, Minusgrade und wetterbedingt eingeschränkte Montagen. „Da kommt man schon ins Rudern“, gesteht der 26-Jährige. Doch der Mut hat sich ausgezahlt. Seitdem krempelt Moltke alte Strukturen um, digitalisiert Abläufe und führt das Team.

A man in a blue shirt and glasses working on metal profiles in a workshop.
Four smiling colleagues, two men and two women, sitting around a table with personalized mugs.

„Das ist echt eine coole Truppe”, sagt Lukas Moltke über seine Mitarbeiter. Auf Lena Giebe aus der Verwaltung und sein Baustellen-Trio (Dominik, Artur und Thomas) könne er sich verlassen. Fachliche Qualifikation ist den Moltkes wichtig, aber der Charakter entscheidet. „Etablieren kann sich bei uns nur, wer menschlich zu uns passt“, sagt der Senior-Geschäftsführer. Das hat er an seinen Sohn weitergegeben: die Menschlichkeit.

Respekt und Offenheit sind für Lukas Moltke Teil der Philosophie. „Es ist wirklich ein gutes Miteinander”, bestätigt Lena Giebe. „Sie haben den Familienkreis ein bisschen erweitert.” Bei Moltke ist das Wort „Familienunternehmen“ kein PR-Label. Es gibt keine anonymen Aktionäre oder Investoren. Hier ist die Familie kein Marketing-Instrument, sondern Realität. Die Moltkes und ihr Team geben diesem Unternehmen ein Gesicht.

Wertschätzung als Fundament für die Zukunft

Doch der absolute Star des Unternehmens ist Quinto. Der schwarze Schäferhund fungiert als vierbeiniger „Feel-Good-Manager“. Er gehört zum Team wie Schweißgeräte und Malervlies. Wenn in der Werkstatt gearbeitet wird, sorgt Quinto für Unterhaltung. Sobald ein Rollbrett unbewacht herumsteht, gibt es für den Vierbeiner kein Halten mehr. Er packt das Gefährt, schleudert es herum und schlittert über den Boden – bis der Chef kommt und den Spaß beendet.

A fluffy black German Shepherd dog with bright orange eyes lies on a concrete floor in a workshop.

Auch Hunde müssen sich hier an Regeln halten. Wenn Kunden kommen, muss Quinto auf seinem Platz bleiben. Es sei denn, der Besucher will den schwarzen Riesen streicheln. Der Schäfer wird sogar zu Terminen eingeladen. „Wir hatten einen Interessenten, der hat gesagt: Wenn sie zur Beratung kommen, müssen sie den Hund mitnehmen”, erinnert sich Rainer Moltke. Selbst der vierbeinige Feel-Good-Manager hinterlässt Eindruck.

Vom Hund über die Mitarbeiter hin zur Familie zieht sich ein roter Faden: Wertschätzung und Respekt. Auf diese Werte baut Lukas Moltke auch in Zukunft. Er übernimmt nicht nur ein Unternehmen in Inzell. Er ergreift die Chance, das zu tun, was er liebt: Etwas mit den Händen schaffen. Ob Wintergarten, Terrassendach oder Lamellenpergola – der Metallbaumeister brennt dafür, individuelle Ideen in die Realität umzusetzen.

Die Begeisterung vom Bub im Blaumann ist noch heute zu sehen. Der einzige Unterschied: Die Ärmel müssen heute nicht mehr hochgekrempelt werden. Der 26-Jährige ist in seine Rolle hineingewachsen.

Four smiling people and a black dog stand in front of a forklift in a warehouse.